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Jahresbericht

Der Verein Frauen helfen Frauen legt Jahresbericht 2019 vor. Die Arbeit des Vereins im Rückblick, vor allem aber nach vorne blickend.

Die polizeiliche Kriminalstatistik Baden Württemberg verzeichnete im Jahr 2019 12.125 Fälle von häuslicher Gewalt, fast 10.000 verübt an Frauen, 27 von Ihnen wurden getötet … die Dunkelziffer liegt deutlich höher.

Doch bereits diese 10.000 betroffenen Frauen aus dem letzten Jahr sind schwer vorstellbar.

Zum Vergleich: das sind

  • alle Frauen aus Oberkirch oder …
  • jede 2. Frau aus Lahr bzw. Kehl oder …
  • jede 3. Frau aus Offenburg

Und eins darf man nie vergessen – hinter jeder Zahl steht ein Schicksal:

  • Eine junge Frau, die in einer glücklichen Ehe gelebt hat, bis sie berufsbedingt als Familie wegziehen mussten, der Mann sich der rechtsradikalen Szene angeschlossen hat und gewalttätig wurde
  • Eine Frau, die mit ihren schwerst traumatisierten Kindern vor ihrem gewalttätigen Mann geflüchtet ist, all ihren Mut zusammengenommen hat, um sich hier – ohne soziales Netz, ohne Kindergartenplätze, ohne … – ein neues Leben ohne Gewalt aufzubauen
  • Oder eine schwangere Frau, die kurz vor der Geburt zu uns gekommen ist, um sich und ihrem Baby eine Zukunft zu geben, die nicht bestimmt ist von Angst und Schmerz


Nicht nur die Häufigkeit, mit der häusliche Gewalt vorkommt, wird oft unterschätzt, sondern auch über den betroffenen Personenkreis herrschen falsche Vorstellungen: das Bild des trinkenden, sozial schwach gestellten, prügelnden Ehemannes entspricht nicht der Realität. Gewalt kommt in den besten Familien vor und macht weder vor Bildung noch vor Wohlstand Halt, das heißt, im Akademikerhaushalt wird genauso häufig Gewalt gegenüber Frauen ausgeübt wie anderswo. Gleichzeitig besteht in den bildungsnäheren Schichten eine große Scham über die Gewaltsituation zu sprechen und sich Hilfe zu holen. 


Aus Angst …

  • vor noch massiveren Bedrohungen und Gewalt, wenn sie sich gegen den/die Täter(in) stellen, indem sie die Gewalt öffentlich machen,
  • dass ihnen nicht geglaubt wird,
  • vor der Reaktion des Umfeldes, dass sie verachtet werden, 
  • ohne finanzielle Mittel dazustehen und nicht zu wissen, wie sie den Lebensunterhalt bestreiten können,
  • dass ihnen niemand zur Seite steht,
  • alleine zu sein,
  • … dauern die Gewaltbeziehungen oftmals sehr lange an.


Und auch das sagt die Statistik:

In über der Hälfte der Polizeieinsätze befanden sich Kinder am Tatort, von denen die meisten jünger als 12 Jahre waren. Dass unter der belastenden Situation auch ihre Kinder leiden, vergrößert den Druck der Frauen zusätzlich. Wenn Kinder Zeugen von Gewalt (gegen die eigene Mutter) sind bzw. sein müssen, versuchen sie häufig, die Mutter zu schützen. Wenn/weil sie nicht helfen können, plagen sie Hilflosigkeit, Angst, Entsetzen und Schuldgefühle.

Wirft man einen Blick auf die konkrete Beratung, haben wir zunächst die rechtliche Situation: Die Einordnung von Körperverletzungen, Nötigungen etc. gelingt meist noch problemlos, dann kommen all die Fragen, die der häuslichen Gewalt folgen: Was wird aus der gemeinsamen Wohnung, sind Kinder vorhanden, wie ist der künftige Umgang zu regeln etc.?

Auf der anderen Seite stehen die persönlichen, die körperlichen und psychischen Folgen. Oft trauen sich Opfer von häuslicher Gewalt erst nach einer längeren Zeit, ihre Situation aktiv zu verändern.

In nur einem Jahr ist der Beratungsbedarf in unserer Fachberatungsstelle um mehr als 20 % auf über 400 Beratungen in 2019 gestiegen, innerhalb von 5 Jahren ist dies eine Steigerung um fast 100 %.

Viele Frauen fühlen sich verantwortlich für das Funktionieren der Beziehung, erleben es als ihr Versagen, wenn die Beziehung scheitert, sie wollen dem Partner noch eine Chance geben, sie haben Mitleid mit ihm, machen sich Sorgen, wer sich dann um ihn kümmert, sie wollen den Kindern nicht den Vater nehmen, sind ratlos, wie sie nach einer Trennung allein zurecht kommen, sie machen sich Sorgen um die finanzielle Zukunft. Häufig gelingt die Trennung oder die Beendigung der Gewalt erst nach mehreren Versuchen. Viele Betroffene brauchen einige Anläufe, den richtigen Zeitpunkt und die passende Unterstützung, um diesen Weg zu gehen.

Für die Befreiung aus der Gewaltbeziehung spricht die Aussicht auf ein gewaltfreies, selbstbestimmtes Leben. Wiedergefundenes Selbstvertrauen und neu gewonnene Sicherheit können Müttern (und ihren Kindern) Wege eröffnen.

In diesem z. T. sehr komplexen Prozess stehen unsere Beraterinnen in der Fachberatungsstelle den Frauen zur Seite, suchen mit ihnen gemeinsam Wege und respektieren bei allen Angeboten, ob und welche Hilfe die Frauen möchten und was sie im Moment benötigen – unsere Schlüsselwörter dabei sind Schutz, Sicherheit und Unterstützung.

Wo immer möglich und nötig beraten wir in unseren Räumlichkeiten, haben aber auch die technischen Möglichkeiten geschaffen für die Beratung per Telefon, Video-Telefonie oder Online-Beratung.


Seit Vereinsgründung vor mehr als 35 Jahren ist es dem Verein gelungen, eine gut funktionierende Vernetzung mit allen relevanten Akteuren im regionalen und überregionalen Umfeld aufzubauen. In 2019 haben wir uns (über)regional in fast 15 Arbeitskreisen als aktive Partnerinnen und thematisch eingebracht. In dieser engen Zusammenarbeit konnten wir erreichen, dass die Perspektive vom Bedürfnis der Opfer nach Schutz und Unterstützung zum Recht der Opfer auf Schutz und Unterstützung wechselt.

Seit unserer Gründung konnten wir rund 1.800 Frauen und ca. gleich vielen Kindern in unserem Frauenhaus Schutz und Begleitung. Aber!! Allein in 2019 konnten wir 100 Frauen und Kinder wegen Vollbelegung nicht aufnehmen.

Dank großartiger Unterstützung durch den Ortenaukreis haben wir die Weichen gestellt, zukünftig 20 Frauen und ihren Kindern einen Schutzplatz zu bieten.

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Frauen helfen Frauen e.V.
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Voba OG: IBAN: DE396649 0000 0006 6493 00

Wir haben passende Räumlichkeiten gesucht und gefunden, notwendige Renovierungen angestoßen und begleitet, Räume geplant und umgeplant, Sicherheitssysteme installiert, Kisten gepackt und beschriftet, Personal gesucht und eingestellt, den Tagessatz nachgerechnet und (neu) verhandelt, Möbel aufgebaut, Willkommenspräsente vorbereitet … alles getan, um den betroffenen Frauen und ihren Kindern ein kleines Stück Würde und Zukunft (zurück)zugeben. Kaum war unser neues Haus eröffnet, waren schon alle Plätze belegt.

Trotz der im Ortenaukreis bereitgestellten Plätze beziffert das Sozialministerium die Zahl der fehlenden Plätze in Baden Württemberg aktuell auf 633.